Wenn gesunde Ernährung krank macht.

Milch ist ungesund, Zucker sowieso, Salz macht krank, Gluten sind die neuen Bösewichte und um Obst ohne Bio wird ein ganz großer Bogen gemacht. Warum auch eine intensive Beschäftigung mit gesunder Ernährung krank machen kann, erfährst du heute im Blogartikel.

Für viele Menschen sind bestimmte Ernährungsstile das halbe Leben. Es ist nicht mehr nur eine dankbare, achtsame oder erstrebenswerte Einstellung sich gut und reichhaltig zu ernähren, sondern teils schon eine radikale, unantastbare und vor allem die einzige Lebensphilosophie dieser Welt, die unsere Welt zu einer Besseren macht. Sie gibt Selbstbewusstsein, hebt von der Masse ab und wirkt schon fast ein bisschen wie Ersatzreligion. Hier habe ich vor einiger Zeit schon einmal ein wenig drüber schreiben müssen, weil mir gerade dieses Thema als Sozialpädagogin und Ernährungstrainerin wirklich sehr am Herzen liegt! 

Ja, auch g’sund essen kann ung’sund sein.

Ich spreche hier nicht von einem leckeren Quinotto zu Mittag oder einem grünen Smoothie zum Frühstück, sondern von einer Essstörung. Ein zwanghafter Verzicht auf Ungesundes, auch Orthorexia nervosa genannt, kann nämlich großen körperlichen und mentalen Schaden anrichten. Vor allem dann, wenn die eigene Ernährungsphilosophie ideologische Züge aufweist, die einen Schutz vor Krankheiten aller Art verspricht. Ein Lebensmittel wird somit immer mehr zum kontrollierten Lebensmittelpunkt. 

Wie kann man sich diese Störung nun vorstellen? Kennst du dieses zwanghafte Kontrollieren, ob der Ofen auch wirklich ausgeschaltet oder die Haustür verschlossen ist? Wenn der Löffel unbedingt parallel zum Messer liegen muss? Den Zwang sich dauernd die Hände zu waschen? Orthorexie wird ebenso in diesem Bereich eingeordnet, obwohl sie nicht als eigenständige Krankheit, sondern vielmehr als Vorstufe der Anorexia nervosa, also Magersucht, untergeordnet wird. 

Und das oftmals auch zu recht, denn Betroffene magern stark ab, da es kaum noch Lebensmittel gibt, die sie essen wollen. Der Unterschied liegt hier jedoch darin, dass es bei Magersucht um die Quantität (also den Kalorienverbrauch) und bei Orthorexie um die Qualität der Nahrung geht. Meist sind es Frauen und junge Mädchen, die Krankheiten vorbeugen oder diese heilen wollen und sich deshalb ausschließlich gesund zu ernähren versuchen. Wenn infolgedessen soziale Isolation hinzukommt, weil man das ungesunde Essen bei Freunden lieber auslässt, um daheim zu essen, erhöht sich aufgrund des fehlenden Beziehungsnetzes das Risiko für Depressionen. Orthorektiker sind überzeugt, ihr Verhalten sei richtig und ohne Alternative. So kommt es auch häufig vor, dass sie ihr Umfeld missionieren wollen, was wiederum dazu führt, dass Freunde und Familie sich immer mehr von den Betroffenen abwenden. Hinzu kommt auch, dass Orthorektiker starke Schuldgefühle und Angst entwickeln, wenn sie beispielsweise zu einem Stück Schokolade oder einer Scheibe Weißbrot greifen. 

Man muss auch dazu sagen, dass gerade ein großer gesellschaftlicher Wandel stattfindet und diese ideologischen Ernährungsphilosophien wie Gänseblümchen aus dem Frühlingsboden spriessen.

Überall findet man Bücher, die Gesundheit und Heilung versprechen, wenn man denn nur auf Zucker verzichtet, Gluten verteufelt und Kühe rettet. Ella Woodward sagt von sich, sie sei ein krankes sugar monster gewesen. Jetzt lebt sie vegan, ohne chemische Zusatzstoffe und fühlt sich nicht mehr krank. Natürlich isst sie noch Süßes, jedoch ohne raffinierten Zucker. Deliciously Ella ist der wahr gewordene Traum eines jeden Fan-Girls. Verständlich, denn die Rezepte sind gut, sie hat ihr eigenes kleines Deli, sprudelt nur so vor Motivation, Leichtigkeit sowie Lebensfreude und sieht dabei noch aus wie ein Supermodel. 

Ella Woodward missioniert jedoch auch, ob sie dies nun bewusst möchte oder nicht. Auch Sarah Wilson, die in ihrem achtwöchigen Antizucker-Programm nicht nur raffinierte Süße, sondern auch Obst von der Liste streicht (what?) und stattdessen auf Gelatine und Fleischbrühe schwört, hat ihre Schilddrüsenerkrankung mit gesunder Ernährung geheilt. Kris Carr toppt all dies mit inoperablem Krebs, der sich jedoch aufgrund gesunder Ernährung stabilisiert hat. Alles übrigens wirklich tolle Frauen! Es geht mir hierbei auch gar nicht darum Menschen zu verteufeln, die medienwirksam zu einem gesünderen Lebenswandel verhelfen! Ich schätze sie sehr und habe mir selbst sehr viel für meinen eigenen Ernährungsstil herauspicken können! 

Muss man aber nun auf Gluten verzichten, obwohl man Vollkornmehl eigentlich gerne mag und Gluten verträgt? Nur, weil es Ella damit besser geht?

Keinesfalls. Tut man es trotzdem, weil Gluten angeblich den Körper verkleben? Ja. Weil Ella die absolute Gesundheit vorlebt und wir alle so hübsch, gesund und schlank sein wollen wie sie. Muss man bei den paar Treffen im Jahr mit Freunden auf Schokoladenmuffins und Wein verzichten, weil Sarah sagt, dass Zucker schleichend tötet? Nein. Muss man jeden Morgen frisch gepressten Weizengrassaft trinken, den man eigentlich nicht ausstehen kann, um wie Kris Carr leben zu können? Nein. Muss man unbedingt immer mit Dattelmus anstatt Zucker süßen, nur, weil Tanja das so macht? Nein. Striktes Essen nach bestimmten Modellen hilft nicht, wenn du dich täglich dabei quälst oder du deine Lebensqualität dadurch minderst. Das, was den einen gesünder werden lässt, kann für dich nämlich vielleicht sogar nach hinten los gehen.

Es geht hier, jetzt gerade, an dieser Stelle nur um dich. Darum, auf dich zu hören und nicht darauf, was andere dir sagen. Natürlich ist es wundervoll, wenn Menschen einen bestimmten Ernährungsstil vorleben, denn so hat man die Möglichkeit Dinge ohne viel Aufwand und Nachdenken auszuprobieren, anstatt sich alles selbst zusammensuchen zu müssen. Die Kochbücher von Ella, Sarah und Kris kann ich durchaus weiterempfehlen. Jedoch sollten sie nicht zur Ersatzreligion oder zur einzig richtigen Orientierung werden, wenn man damit nicht 100% zufrieden ist! 

„Ja, du als Food- und Lifestyle-Bloggerin bist da aber auch nicht anders!“, wirst du vielleicht denken.

Ich poste gerne gesunde Gerichte im Clean Eating-Style auf Instagram, verfasse Rezepte für dich, welche die üblichen Verdächtigen (Zucker, Milch, Gluten) meist außen vor lassen und erfreue mich an gesundem Essen. Das bedeutet aber nicht, dass ich völlig auf Cupcakes, Bier oder Pizza verzichte. Das wäre auch keineswegs authentisch. Natürlich haben mein Lebenswandel und die Ausbildung zur Ernährungstrainerin dazu beigetragen, dass ich viele Lebensmittel mittlerweile in einem anderen Licht sehe. Ich bin auch neugierig und gebe meinem Körper gerne mal einen Reboot, wenn er danach ruft. Das kann dann schon mal heißen, dass ich einige Wochen raffiniert-zuckerfrei lebe, einige Zeit nur vegan koche oder zwei Wochen basenfaste. Ich weiß jedoch mittlerweile auch, was ich mir selbst zumuten kann, was mich glücklich macht und wonach mein Körper verlangt. Trotz allem genieße ich auch gerne mal „Ungesundes“ (und ernte dafür witzigerweise immer schockierte Blicke). Ganz egal, ob es um Kaffee und Kuchen oder Chips und Bier geht.

Ich bin kein asketisches Wunderwuzi, das ganz genervt den Raum betritt und voller Stolz erzählt, dass ich diese Woche schon fünf Kilo abgenommen habe, während ich gänzlich deprimiert, demotiviert und gereizt auf den letzten Schokokeks gucke, der am Küchentisch liegt. Und es macht mich immer wieder ein wenig wütend und auch traurig, dass diese oberflächliche Gesundheitsschiene einiger Blogs und Lifestyle-Seiten mit „dem einen lebensverändernden Ernährungsstil“ so vielen jungen Mädchen ein völlig falsches, asketisches Bild von Gesundheit vermittelt! 

Natürlich heißt das nicht, dass man dem Genuss jetzt völlig gedankenlos verfallen soll.

Paracelsus sagt: Die Dosis macht das Gift und bei Nahrung ist das nicht anders! 20 Bananen täglich sind genauso einseitig wie 30 Schokokekse und rohvegan kann auf lange Sicht genauso wenig gesund sein wie ein tägliches Schweinsbratl zum Abendessen. Balance ist das Zauberwort! Und diese ist immer individuell. Ich glaube fest daran, dass ein bestimmter Ernährungsstil kleine Wunder vollbringen kann, jedoch bitte nicht langfristig auf Kosten der mentalen und körperlichen Gesundheit! (Stichwort: Diät/Fasten) Denn schon eine mittelschwere Orthorexie kann Leidensdruck, Unzufriedenheit und körperliche Mangelerscheinungen verursachen. Essen soll Spaß machen, die Seele streicheln und den Körper zufriedenstellen. Wenn das bedeutet, dass auch mal ein nicht veganer Dinkelmehl-Cookie dran glauben muss, dann bitte, her damit! Soul food, baby!

Wir sind alle verschieden. Deshalb haben wir auch viele unterschiedliche Gelüste. Und nicht nur das.

Wir alle haben verschiedenste Stoffwechsel, sowie unterschiedliche Lebenssituationen und Heimatländer, in die es uns verschlagen hat. Akzeptiere deshalb bitte, dass nicht jeder Ernährungstrend für dich zurecht geschnitten ist und mache dich auf die Suche nach deinem eigenen, individuellen Wohlgefühl. In diesem Sinne: Eat better, not less, lerne auf dein Bauchgefühl zu hören und dich selbst zu lieben. Wenn du zufrieden und ausgeglichen bist, behandelst du deinen Körper auch wie deinen eigenen kleinen Tempel. Und das ist gut so, denn du hast nur diesen einen wundervollen Körper! 

PS: Die Ernährungswissenschaftlerin Hannah Frey hat in ihrem Blog Projekt: Gesund Leben ausführlicher über Orthorexie berichtet und einen Selbsttest von Dr. Steven Bratman im Artikel veröffentlicht. 



Wie stehst du zum Thema „Gesunde Ernährung“? Unterscheidest du zwischen guten und bösen Lebensmitteln? Wie steht es mit deinem Körpergefühl? Bist du gar ganz anderer Meinung als ich? Ich freu mich auf deinen Kommentar! 

You Might Also Like

7 Comments

  • Reply
    Anna
    25. April 2020 at 21:06

    Das Problem ist, weshalb auch ich auf diesen Blog gestoßen bin, dass die meisten sich einfach stressen und sich komplett an die gesunde Ernährung halten. Hier und da noch Superfoods etc. – Ganz schlimm wird es dann, wenn die Kinder auch in die Ernährung so stark einbezogen werden. Das muss ja nicht sein.

    Lg Anni

  • Reply
    Bella
    8. Januar 2019 at 3:06

    Gesunde Ernährung kann natürlich sich auch auf die Psyche auswirken. Aber sie gehört auch dazu. Ich habe mir früher viel zu viel Gedanken um die Ernährung gemacht. Das mache ich nicht mehr. Ich weiß was gut und was schlecht für mich ist :)

  • Reply
    Jana
    23. Oktober 2018 at 21:51

    Man sollte sich immer ausgewogen ernähren. Ab und an mal zu sündigen ist gar nicht verkehrt. Ich selbst tue es auch und habe eigentlich einen relativ gut trainierten Körperbau.

  • Reply
    Jonas
    26. September 2018 at 16:05

    Dennoch muss gesagt werden, dass eine gesunde Ernährung immer noch viel, viel besser ist, als das lästige Junkfood!

  • Reply
    Vera
    21. Mai 2016 at 18:33

    Liebe Tanja,
    ein ganz toller und sehr wichtiger Artikel, wie ich finde! Das ist echt ein Thema, das vielen noch nicht bewusst ist. Gut, dass du darauf aufmerksam machst – und wie immer hast du interessant und gut geschrieben!
    Liebe Grüße, Vera

  • Reply
    Jenni
    16. Mai 2016 at 19:44

    Liebe Tanja!

    Das ist ein wichtiger und hochspannender Artikel, den du da veröffentlicht hast. Ich danke dir dafür! Bis vor Kurzem wusste ich noch gar nicht, dass die übertriebene Gesundheitsfixierung ein Krankheitsbild darstellt, das schon wissenschaftlich benannt worden ist.
    Ich muss gestehen, dass ich persönlich schon einigermaßen penibel auf meine Ernährung achte: Es gibt keinen Industriezucker, kein Weißmehl, kein Alkohol, kein Kaffee, keine Produkte mit mehr als 6 Zutaten, keine abgepackten Süßigkeiten, fast keine Schokolade. Und nur Veganes. Wenn man es so aufschreibt, klingt das grauenvoll – aber für mich ist es alles andere als das: Vegan bin ich aus ethischer Überzeugnung, da lässt sich nicht dran rütteln. Und die anderen Dinge habe ich nicht etwa aus rationaler Kalkulation nach und nach vom Speiseplan gestrichen (Kaffee und Alkohol habe ich beispielsweise mein ganzes Leben lang noch nie angefasst, weil sie mir einfach nicht schmecken), sondern in freudigem Expiermentieren nach und nach durch vollwertige Alternativen ersetzt. Am Herstellen dieser habe ich so viel Spaß und ich merke, dass es mir so gut tut, dass ich meine Ernährung – so eingeschränkt sie vielen anderen erscheinen mag – gar nicht als Last oder Diät empfinde. Es ist ein Lebensstil, der mich verkörpert und mit dem ich mich wohlfühle und der mich alles andere als einengt.
    Das ist natürlich – wie du auch schon geschrieben hast – nicht der ultimative Schlüssel zur Wahrheit und ich bin davon überzeugt, dass jeder und jede die ganz eigene und persönliche Art der für ihn oder sie passenden Ernährung finden muss.

    Liebe Grüße
    Jenni

    • Reply
      tanjachampagner
      19. Mai 2016 at 14:14

      Hy Jenni!
      Es klingt absolut nicht grauenvoll, sondern eher so, als würde dir dein individueller Ernährungsstil sehr viel Freude bereiten! (Was übrigens auch in deinem Blog deutlich erkennbar ist!) :) Und das ist ja die Hauptsache!
      Liebe Grüße, Tanja

    Leave a Reply