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Warum Mikroplastik die Evolutionsbremse des Jahrhunderts ist oder auch: Wie du es vermeiden kannst (Teil 2)

Was können wir also tun um der sinnlosen Verschwendung von Ressourcen entgegenzuwirken?

Rund ein Drittel des weltweit erzeugten Kunststoffs wird für die Herstellung von Verpackungen eingesetzt. Zwei besonders problematische Kunststoffprodukte sind in diesem Fall PET-Flaschen und Plastiksackerl, da sie für den einmaligen Gebrauch vorgesehen sind, die Umwelt verschmutzen, sich in Kleinstteile (also sekundäres Mikroplastik) zersetzen und auf (nicht mehr ganz so) lange Sicht die Umwelt sowie auch das menschliche Leben schädigen. Jedes Jahr landen in Europa übrigens mehr als acht Milliarden Plastiktüten auf dem Müll. 

Synthetische Kunststoffe werden aus Erdöl, Kohle und Erdgas gewonnen. Am häufigsten ist der Ausgangsstoff Rohbenzin, das in einem thermischen Spaltprozess in Ethylen, Propylen, Butylen und andere Kohlenwasserstoffverbindungen auseinander gebrochen und umgebaut wird. Anschließend werden diese durch chemische Reaktionen zu großen Molekülen, also zu einem Kunststoff zusammengefügt. In weiterer Folge werden dem Kunststoff Zusatzstoffe, sogenannte „Additive“, wie zum Beispiel Weichmacher, Farb- und Flammschutzmittel beigefügt, um gewünschte Eigenschaften des Materials zu erreichen. (Global 2000)

Wusstest du, dass Deutschland allein jährlich 40 Milliarden Strohhalme verbraucht, während etwa 700 Millionen Euro pro Jahr in Österreich für Plastiksackerl ausgegeben werden. Ziemlich arg, wenn man bewusst reflektiert wieviel Ressourcen und Geld wir unnötig für Produkte ausgeben, die wir einige Minuten später wieder wegwerfen. Als langfristiges Ziel, laut EU-Vorgaben und der sogenannten „Plastiksackerl-Richtlinie“, gilt deshalb mittlerweile ein angestrebter jährlicher Verbrauch von 90 Sackerl pro EU-Bürger bis zum Jahr 2025. Österreich ist da offiziell mit 51 Sackerln pro Person schon weit unter dem Verbrauchsziel (mit hoffnungsvoller Voraussicht auf 25/Jahr), viele unabhängige Organisationen gehen jedoch davon aus, dass die Dunkelziffer, wenn man’s so nennen mag, weit über der genannten Menge liegt. (Quelle

Wie schon im ersten Teil zum Thema Mikroplastik ist erkennbar, dass Einwegkunststoffe wie Becher, Teller, Besteck, Verpackungen oder Plastiktaschen einen Großteil des Umweltproblems darstellen. Dicht gefolgt von Reifenabrieb und Kunstfasterbekleidung. Zur Erinnerung: Mikroplastik ist Plastik, welches entweder primär als synthetisches Mini-Polymer in der Kosmetik verwendet wird (Füll- oder Bindemittel) sowie sekundär durch Verschleiß größerer Plastikteile (z.B. Verpackungen) oder Waschen von Synthetikkleidung (etwa 2000 Plastikfasern pro Waschgang, die ins Abwasser gelangen) entsteht. Mikroplastik ist irgendwann so klein, dass es nicht mehr aus den Kläranlagen gefischt werden und motiviert ins offene Gewässer schwimmen kann. Dort wird es von Fischen gefressen und in weiterer Folge bei omnivorem Lebensstil auch in unsere Körper transportiert. Mitsamt Weichmachern, Pestiziden und anderen industriell hergestellten Substanzen, da diese sehr gut am Kunststoff haften. Aber auch das Mikroplastik im Feinstaub, durch Reifenabrieb, kann zum gesundheitlichen Problem für Menschen werden.  

Was können wir also tun um der sinnlosen Verschwendung von Ressourcen entgegenzuwirken?

Kosmetik ohne Mikroplastik

In vielen Kosmetikprodukten sind kleinste Kunststoffteilchen enthalten, obwohl sie bei genauerer Betrachtung keiner braucht. Wenn du auf synthetische Polymere verzichten möchtest, solltest du zu zertifizierter Naturkosmetik greifen, denn für diese ist Mikroplastik nicht zugelassen. 

Solltest du weiterhin zu konventionellen Produkten greifen wollen, achte auf bestimmte Signalwörter in der Liste der Inhaltsstoffe: POLY-(…) sind nichts anderes als synthetische Polymere, also Mikroplastik in fester oder flüssiger Form. Auch Acrylate, Dimethiconol, Methicone, Siloxane oder Silsesquioxane schleichen sich in die Liste der Inhaltsstoffe. Die Apps Beat The Microbead sowie Codecheck helfen dir dabei hinter die Kulissen der Stoffe zu blicken. (edit: Ich wurde darauf aufmerksam gemacht, dass nicht alle POLY-(…)s erdölbasiert sein müssen. Da ich kein Chemiker bin, kann ich euch an dieser Stelle nur empfehlen Inhaltsstoffe immer zu hinterfragen und diese nachzulesen.)

Warum Mikroplastik die Evolutionsbremse des Jahrhunderts ist und wie du es vermeiden kannst (Teil 2) | Blattgrün

Machst du deine Kosmetikprodukte selbst, kannst du für z.B. für ein Peeling auf Tonerde, Kreide, Kieselmineralien, Salz, getrocknete und gemahlene Nussschalen, gemahlene Kerne oder Weizenkleie zurückgreifen. In meiner Naturkosmetik-Rubrik findest du übrigens viele Anregungen zum Selbermachen. 

Kleidung ohne Mikroplastik

Das Waschen von Kunstfasern gilt mittlerweile als eine wichtige Quelle von synthetischen Polymeren in den Gewässern dieser Welt. Nicht nur Sportbekleidung oder Fleece, sondern auch alltägliche Textilien aus Synthetikfasern (Polyester, Polyamid, Acryl, Elasthan und Co.) verlieren beim Waschen klitzekleine Fasern.

Diese können jedoch nicht wirklich gefiltert werden. Weder von der Waschmaschine, noch von den Kläranlagen. Aufgrund ihrer minimalen Größe landen sie am Ende in offenen Gewässern und anschließend in den Ozeanen. Was auch selten bedacht wird, ist der Klärschlamm (Rückstand aus der Reinigung von Abwasser), welcher auf Felder gekippt wird und dadurch in die Böden und das Grundwasser gelangt. 

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Mein ABC der nachhaltigen Fasern hilft dir vielleicht bei deinem nächsten Einkauf weiter und zeigt dir, welche Vor- und Nachteile Wolle, Baumwolle, Modal, Leinen, Hanf und Co. mit sich bringen. Mehr über die Vorteile abbaubarer Stoffe und jede Menge Vorschläge gibt’s in der Slow Fashion-Kategorie. Hast du jede Menge Kunstfaserkleidung zuhause, könntest du auf den allerersten Waschbeutel zurückgreifen, der dafür entwickelt wurde Mikroplastik aufzufangen, damit es nicht in den Abwasserkreislauf eingeschleust wird. Der Beutel filtert bis zu 99% der kleinen Kunstfasern und das aufgefangene Plastik kannst du dann einfach im Müll entsorgen. 

Ernährung ohne Mikroplastik

Es ist wie es ist: Die Industrie produziert zwar, aber wir entscheiden bei jedem Lebensmittel in unserem Einkaufswagen über die Zukunft und die Produktpalette des jeweiligen Händlers sowie seinem Umgang mit Plastik. Lass dich net lumpen oder von bunten Verpackungen locken, denn alles Schillernde soll ja gerne einmal über Negatives hinweg sehen lassen. Sozusagen das Make Up der Nahrungsmittelindustrie.    

Warum Mikroplastik die Evolutionsbremse des Jahrhunderts ist und wie du es vermeiden kannst (Teil 2) | Blattgrün

Wochenmärkte, Ab Hof-Bauernläden und Bio- sowie Unverpackt-Läden haben vieles lose Lebensmittel oder zumindest, wie in den meisten Supermärkten, in Umpackungen aus Karton. Nutze diese Möglichkeit den Kassenbon als Stimmzettel zu verwenden. Hier gibt’s Anregung für verpackungsfreies Einkaufen in meiner Heimatstadt Linz. Kein Plastik, kein unnötiges sekundäres Mikroplastik! 

Lifestyle ohne Mikroplastik

Plastikfreie Kleidung und Ernährung allein sind schon sehr viel Wert, wenn es um Müllvermeidung geht. Jedoch gibt es noch ein Sammelsurium an Möglichkeiten, die du ebenso in Betracht ziehen kannst, um die Welt ein bisschen besser atmen lassen zu können: 

  • Nur 1 von 10 Plastiktaschen wird öfter benutzt. Benutze daher Stoffbeutel statt Plastik- oder Papiertaschen, die es an der Supermarktkasse gibt. Diese haben den Vorteil, dass sie 1. auch schwere Dinge halten ohne zu reißen, 2. auch Regen, Schnee sowie Hitze standhalten anstatt sich schnell zu zersetzen und 3. kannst du sie unglaublich lange verwenden. 
  • Ersetze Einwegprodukte im Badezimmer wenn möglich durch langlebige Alternativen. Die Menstruationstasse hält beispielsweise etwa 10 Jahre lang und du sparst dabei nicht nur 12500 Tampons oder Binden, sondern auch etwa 2000 Euro und jede Menge Kleinplastik ein. (Mehr dazu in meinem Läuft bei mir-Artikel)
  • Nutze wenn möglich generell verpackungsfreie Kosmetik oder jene, die in Glasbehältnissen den Weg zu dir nach Hause finden. Denn auch das Plastik in Umverpackungen aus Kunststoff kann bei Hitze oder Reibung an den Inhalt übergehen. 
  • Leider liegt die Mehrwegquote in Österreich derzeit nur bei 30% (vor 15 Jahren lag sie bei 70%) und die Recyclingquote von PET-Flaschen sieht mit 28% auch recht mager aus. Greife also prinzipiell lieber zu Mehrweg statt Einweg. Laut Global 2000 ersetzt eine Mehrwegflasche beispielsweise die Produktion von 20 bis 40 Einwegflaschen.
  • Kaufe Second Hand.
  • Es gibt mittlerweile so viele Alternativen zu Plastik, die für ein so viel besseres Wohnklima und eine gesündere Raumluft sorgen: Keramik, Holz, Stein oder auch Karton findet man in vielen alltäglichen Haushaltsgebrauchsgegenständen oder Dekorationsartikeln. 
  • Wenn unbedingt To-Go, dann verzichte beispielsweise auf den Plastikdeckel auf deinem Pappbecher oder das Einwegbesteck zum Salat. Bring deine eigene aufgefüllte Trinkflasche mit anstatt immer wieder Einweg-Flaschen zu kaufen. Iss meinetwegen Pizza, wenn du Hunger auf Fast Food bekommst! Alle mögen Pizza und kaum jemand verkauft sie in Plastikboxen. ;) 
  • Ich weiß, dass es in dieser schnelllebigen Welt mit zeitlich begrenzten Ressourcen (vor allem in ländlichen Gebieten) schwierig ist auf das Auto zu verzichten, aber eine der gefährlichen Mikroplastik-Quellen sind Autoreifen bzw. der Abrieb dieser. Sie vermischen sich mit dem, eh ohnehin schon gefährlichen, Feinstaub und wandern damit ungehindert in die Lunge. Ganz ehrlich: Niemand würde freiwillig Plastik essen, geschweige denn dieses in die Lunge lassen! Trotzdem wird in Bezug auf die Luftverschmutzung viel zu wenig aufgeklärt und das kann fatale Folgen haben: Allergische Reaktionen, Asthma, Krebs oder auch Herzkrankheiten. Fahre deshalb, wenn möglich, mit dem Fahrrad oder gehe kurze Strecken unter 3km zu Fuß, versuch’s mal mit Mitfahrgelegenheiten, Fahrgemeinschaften in die Arbeit/Uni oder nutze öffentliche Verkehrsmittel und setze dich mit deiner Wählerstimme dafür ein, dass (v.a. ländliche) Öffi-Strecken ausgebaut werden, damit es überhaupt einmal die Möglichkeit gibt diese nutzen zu können. 
  • Entsorge Kunststoff richtig, wenn du ihn doch einmal mit nach Hause nimmst. Bestenfalls in den Altstoffsammelzentren und Bauhöfen, andernfalls im gelben Sack bzw. der gelben Tonne. 

Zusammengefasst: Informiere dich vorab über Neukäufe und setze dabei im Bestfall immer auf Konzepte, die Plastikmüll verhindern. Bestehenden Kunststoff solltest du der Umwelt zuliebe richtig recyceln anstatt ihn achtlos in die falsche Tonne (oder gar die Umwelt) zu werfen. 

Lass dich nicht entmutigen

Plastikvermeidung gelingt nicht immer von heute auf morgen. Muss es auch nicht. All die Zero Waste-Instagrammer und Blogger sind auch keine Wunderwuzis und haben sich ihre Erfahrungen über Jahre hinweg per Wissensdurst, Durchhaltevermögen und Neugierde angeeignet. Mein Blog enthält mittlerweile so viele Artikel zur Müllvermeidung, aber es hat Jahre gebraucht all diese Alternativen zu finden und gewohnte Verhaltensmuster zu durchbrechen. Nichts und niemand ist perfekt. Auch kleine Schritte, wie das Weglassen von Einwegkunststoff, können viel bewirken, wenn viele es tun. In meinem ABC des Zero Waste findest du bestimmt einige Punkte, die du sofort umsetzen kannst.

Warum Mikroplastik die Evolutionsbremse des Jahrhunderts ist und wie du es vermeiden kannst (Teil 2) | Blattgrün

Wie Druck und Dialog auf Politik und Handel wirken können

Für alle, die nun enorm viel Motivation haben: Organisiert euch! Triff Gleichgesinnte bei Zero Waste-Stammtischen oder trete den Facebook-Gruppen aus Ö bei, geht gemeinsam „ploggen“, unterstütze Initiativen oder Vereine wie Zero Waste Austria, die bereichern und immer wieder tolle Veranstaltungen zu Umweltschutzthemen organisieren, geh wählen und wähle vernünftig, lies Blogs oder Bücher, die sich diesem Thema widmen oder starte selbst eine Aktion für den Umweltschutz. 

Im Bestfall: Mach Druck auf Unternehmen. McDonald‘s alleine verbrauchte bisher bereits 500 Millionen Strohhalme weltweit an nur einem Tag. In UK wird daher zukünftig auf Plastiktrinkhalme, der Umwelt zuliebe, verzichtet. Alternativ gibt es dort dann Trinkhalme aus Papier. Kunden können sich die Strohhalme zum Getränk nicht mehr selbst nehmen und bekommen nur dann einen, wenn sie ausdrücklich danach fragen. Hier geht es vor allem darum körperlich eingeschränkte Menschen (z.B. Zittern durch Alzheimer), die auf Trinkhalme angewiesen sind, nicht außen vor zu lassen. Die Ökobilanz von Papier ist zwar nicht unbedingt besser, aber zumindest sind die Halme abbaubar.

Auch eine Supermarkt-Kette in Holland macht gerade Schlagzeilen. Mehr als 700 Artikel gibt’s am Amsterdamer Standort, die mit kompostierbaren Materialen verpackt sowie in Glas, Karton oder Metall abgefüllt sind. (Quelle) Auch österreichische Supermarkt-Ketten wollen mithalten und Billa (REWE-Gruppe) fragt sogar auf Facebook, welches Obst und Gemüse demnächst verpackungsfrei zum Verkauf angeboten werden sollen, während Spar nun bald auch wiederverwendbare Obst- und Gemüsebeutel zum Verkauf anbietet, um der Flut von Plastiksackerln die Stirn zu bieten. Was und wieviel davon am Ende reines Green Washing ist und welche Handelsketten letztendlich wirklich aus Liebe zur Umwelt Alternativen zum Plastikkonsum in Umlauf bringen, wird sich zeigen. Fakt ist jedoch, dass Unternehmen einsehen (müssen), dass Plastik und in weiterer Folge auch Mikroplastik eine immer größer werdende Gefahr darstellen. Fakt ist ebenso, dass sich Unternehmen dem Trend der plastikfreien Konsumation anpassen sollten. Eine Studie aus UK ergibt beispielsweise, dass 91 Prozent der Befragten die Einführung einer Abteilung pro Supermarkt, in der ausschließlich Produkte ohne Plastikverpackungen angeboten werden, sehr befürworten. 

Du siehst also: Man kann durch viele kleine Dinge große Veränderung bewirken. Selbst ich, auch, wenn es nur diese paar Zeilen sind, denn du hast sie gelesen und dir vielleicht sogar ein wenig Inspiration mitnehmen können, die wiederum von dir geteilt werden kann und weitere Menschen ansteckt ebenso umweltfreundlicher zu leben und auf Plastik und Mikroplastik zu verzichten. 

„Willst Du Dein Land verändern, verändere Deine Stadt. Willst Du Deine Stadt verändern, verändere Deine Straße. Willst Du Deine Straße verändern, verändere Dein Haus. Willst Du Dein Haus verändern, verändere Dich selbst.“ (Arabisches Sprichwort)

Hast du auch Tipps, Tricks und Inspiration für ein plastikreduziertes oder gar kunststofffreies Leben? Immer nur her damit! Was ist dein most hated-Kunststoff, den es eigentlich gar nicht bräuchte? Ich liebe es von meinen LeserInnen zu lesen! Inspirier mich mit einem Kommentar oder ernte gutes Karma und teile diesen Beitrag in den unendlichen Weiten des Internets. Ich freu mich und sag Dankeschön! ♥ Eure Tanja

Titelbild: unsplash.com

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1 Comment

  • Reply
    Warum Mikroplastik die Evolutionsbremse des Jahrhunderts ist oder auch: Ein Leitfaden für die Zerstörung unseres Planeten (Teil 1) - blattgrün
    22. April 2018 at 13:56

    […] Wie wir es dennoch besser machen oder zumindest schadensbegrenzend agieren können, erfahrt ihr zum diesjährigen Earth Day im kommenden zweiten Teil zum Thema Mikroplastik.  […]

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