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Billig, bio und gesund – Woche 1

Welcome back zum Selbstversuch von Biorama! Dieser Artikel wurde wieder etwas länger als geplant, weil er mir sehr am Herzen liegt. Deshalb möchte ich euch heute ein wenig an meiner persönlichen Gedankenwelt teilhaben lassen, um zu verstehen, warum mir einerseits so viel an diesem Selbstversuch liegt und warum ich ihn andererseits nicht mehr so gewissenhaft weiterführen werde. 

Schauplatz Bioladen: Als die Zutaten Lebensmittel für Lebensmittel am Kassenband dahin rollten, hatte ich seit zehn Jahren zum ersten Mal wieder ein wenig Panik, dass ich mit dem Geld (42 Euro pro Woche für Lebensmittel) nicht auskommen würde, denn gewohnheitsbedingt gehe ich mittlerweile eigentlich nie unter 70 Euro aus dem Bioladen. Ob ich jetzt ein Ökonazi, Teil vom Blogger-Wohlstandsgesindel oder einfach gut situiert bin, könnt ihr für euch selbst entscheiden. All diese Dinge liest man seit einer Woche nämlich überall auf den sozialen Plattformen, wenn man nach Biorama’s Selbstversuch #armeleuteessen Ausschau hält. Auch, wenn ich den Hashtag selbst nicht unbedingt als optimal empfinde, steht dahinter doch ein guter Grundgedanke und zwar der, dass es möglich sein sollte mit Mindestsicherung gesund durch’s Leben zu kommen, denn gerade der ärmere Teil der Bevölkerung ist stark betroffen von „Wohlstandskrankheiten“ wie Karies, Typ 2-Diabetes, Adipositas oder auch Krebs. 

„Warum fragt man für den Selbstversuch nicht die, die wirklich damit auskommen müssen?“

Diesen Satz habe ich die letzten Tage sehr oft gelesen und stimme dem auch voll zu! Eine authentische Quelle ist immer noch die beste Quelle. Die meisten MindestsicherungsbezieherInnen haben jedoch leider keinen eigenen bestehenden Blog, um solcherlei Gedanken in die weite Welt hinauszuschreiben. Deshalb richtete sich der Aufruf zum Selbstversuch vor allem an bestehende Blogger und Journalisten. Das sollte nicht missverstanden werden. Und es muss auch nicht bedeuten, dass wir alle mit einem goldenen Löffel im Mund geboren wurden.

Ich arbeite seit sieben Jahren im Sozialbereich und habe daher einen relativ guten Einblick in das tägliche Leben von Alleinerziehenden und Arbeitsuchenden. Dass ICH es mir leisten kann siebzig Euro im Bioladen auszugeben war aber auch nicht immer der Fall. In meiner Kindheit gab’s Mindeststandard-Orangensirup aus dem Discounter sowie Second Hand-Kleidung und für Schulausflüge gab es Unterstützung vom Staat. Es gab auch in meinem späten Jugendalter mit Teilzeitjob und Ausbildung einige Jahre, in denen ich prinzipiell jeden Cent umdrehen musste und dann sowieso am Ende des Geldes noch zu viel Monat übrig hatte. Gesund essen war da einfach nicht drinnen. Jeden Tag musste man Angst haben, dass man krank wird (Medikamente kosten Geld, Zahnarztbesuche kosten Geld) oder Reparaturen in der Wohnung anfallen (denn auch die kosten irrsinnig viel Geld). Kinobesuche, Restaurantbesuche, Urlaube oder Bioläden waren in dieser Zeit Luftschlösser. Da macht es mich fast ein wenig traurig und auch wütend, dass sich die Dinge in zehn Jahren kaum verändert haben. Fakt ist: Ich habe den entscheidenden Vorteil, mir diese Dinge mittlerweile leisten zu können, wenn ich es denn will und es tue, weil ich es will. Ich habe das Glück nach Jahren des Hin und Her einen halbwegs gesicherten Arbeitsplatz gefunden zu haben, der mir auch Spass macht. Wenn mich das zu Wohlstandsgesindel macht, das solcherlei Versuche zu narzisstischen Selbstvermarktungszwecken nutzt um armutsgefährdeten Menschen den abgehobenen Finger in die offene Wunde zu drücken, kann ich damit leben. Dass mein Grundgedanke hinter diesem Versuch ein anderer ist, mag nur schwer nachvollziehbar sein, aber ich fasse ihn gerne nochmal für die LeserInnen zusammen, die ich so unglaublich wütend damit mache: Mehrwert.

„Ich habe Angst, dass dieser Versuch der Welt zeigt, dass man mit noch weniger Geld gut auskommen kann und ich am Ende dann noch weniger Geld zum Leben habe!“

So ein Versuch kann natürlich auch nach hinten losgehen, ganz egal, wie gut er gemeint ist. Wenn #armeleuteessen im Selbstversuch beweist, dass man auch mit 180 Euro im Monat gut und gesund essen kann, ist das ein gefundenes Fressen für all jene, die armutsgefährdete Menschen noch ärmer machen wollen. Da könnte man an dieser Stelle nämlich irgendwann sagen „Ja, wenn sich der ganze Bio-Kram eh ausgeht, kann man ruhig noch ein bisschen an der staatlichen Unterstützung feilen.“ Und ich möchte ganz ehrlich sein: Es ist mir wirklich nicht leicht gefallen mit einem Wochenbudget von 42 Euro all das vom Laden mit nach Hause zu nehmen, was ich normalerweise kaufe. Ich bin ein Superfood-Junkie (ja, hier dürft ihr ruhig Wohlstandsgesindel sagen) und ich genieße es mir diese Dinge bewusst kaufen zu können, weil es bis vor wenigen Jahren für mich einfach nicht leistbar war. So gesehen käme ich mit der anteiligen Mindestsicherung, die für Lebensmittel berechnet wurde, absolut nicht aus!

Streicht man aber mal die ganzen Superfoods wie Weizengras oder Rohkakao, zuckersüße Genüsse und Ersatzprodukte für tierische Lebensmittel aus dem Einkaufszettel, kostet’s im Schnitt nur halb so viel. Wenn man gut plant und selbst kocht, ginge es sich mit einem Minimum an 42 Euro monatlich aus Lebensmittel aus rein biologischer Herkunft zu kaufen. Dass ich dabei aber auch auf gewohnte Genussmittel wie Kaffee oder die geliebte Rohschokolade verzichten muss, weil ich sonst weit über dem Budget wäre, schränkt die Lebensqualität schon erheblich ein. Ernährung ist für mich nicht einfach nur Essen, dass man kurz in den Backofen schiebt, sondern Genuss, „Nahrung“ und Entspannung. Deshalb gebe ich auch den Großteil meines Einkommens (neben Zahlungen, die sich nicht vermeiden lassen) für hochwertige Lebensmittel aus. Außerdem nimmt Kochen bei mir einen großen Teil meiner Freizeit ein, weil ich es nunmal gerne mache und weil es mittlerweile zu meiner abendlichen Psychohygiene geworden ist. Alleinerziehende Mütter oder arbeitsuchende Menschen am Existenzminimum haben da sicher andere Prioritäten, was für mich aber auch verständlich und völlig in Ordnung ist. 

armeleuteessen1

Aber zurück zum Mehrwert und dem Wunsch euch zu zeigen, dass es möglich sein kann, mit wenig Geld gesund zu kochen, wenn man auf Genussmittel verzichtet. Gekauft habe ich mit 45,30 Euro 1kg Erdäpfel, 7 Karotten, 3 Paprika, 5 Äpfel, 4 Bananen, 20 Champignons, 3 Zucchini, 500g Topinambur, 250g Spinat, 3 Zwiebeln, 1 Knoblauch, Mais, Bohnen, Orangensaft, passierte Tomaten, Tomatenmark, Buchweizenmilch, Vollkornmehl, Bulgur, Amaranth, Sauerrahm, Vollkornmehl und Pizzakäse (plus die benötigten Mengen an Vollkornnudeln, Hefe, Rohkakao, Weizengras, Chia-Samen, Nussmus und Haferflocken, die schon in der Küche waren und die ich für euch auch mengengetreu dazu gerechnet habe). Wobei man dazu sagen muss, dass die Buchweizenmilch mehr oder weniger ein Luxusartikel ist und getrost durch billigere Kuhmilch ersetzt werden kann, wenn man denn Milch auch gut verträgt. Was ich nicht mit einberechnet habe, sind Gewürze, Kräuter und Öle, da es sich hier mengentechnisch nur um einige Cent ändern würde. Dazu muss ebenfalls gesagt werden, dass ich nicht der Vorspeise-Hauptspeise-Nachspeise-Typ bin. In diesem Fall wäre der Versuch außerdem sowieso zum Scheitern verurteilt. 

Der „Billig & Bio“ Wochenplan, Woche 1

Ich habe euch ja schon im ersten Artikel ein kleines Beispiel für eine strukturierte Wochenplanung gegeben. Diese habe ich für die erste Woche beherzigt. Gekocht wurden in den folgenden sieben Tagen drei Gerichte täglich. Natürlich alles umgerechnet auf eine Person. 

Montag: Grüner Proteinsmoothie / Vollkornnudeln mit Tomatensoße (abgewandelt) / Bulgur mit Champigons und Zucchini 
Dienstag: Bulgurbrei mit Apfel, Mandelmus und Zimt / Bulgur mit Champignons und Zucchini / Veganes Curry
Mittwoch: Apfel-Porridge / Veganes Curry / Ofengemüse
Donnerstag: Bulgurbrei mit Rohkakao, Banane und Mandelmus / Ofengemüse / Topinambursuppe
Freitag: Grüner Proteinsmoothie / Topinambursuppe / Pizzastangen mit Bohnen-Mais-Salat
Samstag: Chia-Pudding mit Rohkakao / Pizzastangen mit Bohnen-Mais-Salat / Kartoffel-Gemüse-Pfanne
Sonntag: Zuckerfreie Pancakes / Kartoffelgulasch

Übrig geblieben ist mir ein Teil der passierten Tomaten, die ich in Eiswürfelformen eingefroren habe und ein Teil geriebener Käse. Beides kann ich für die Pizza brauchen. Aber auch ein kleiner Teil des Bulgurs und sehr viel vom Amaranth werden mir noch länger erhalten bleiben. Das Obst und das Gemüse habe ich ganz vorbildlich verbraucht, was mich sehr freut, denn ich hasse Lebensmittelverschwendung. Vor allem auch deshalb, weil es sogar mir hin und wieder passiert, dass ich ein paar Stücke im Kühlschrank übersehe. 

Fazit

Ich war 3,30 Euro über dem Mindestbudget von wöchentlichen 42 Euro. Das finde ich in Ordnung. Ich werde das Projekt auch weiter verfolgen, wenn auch nicht mehr so streng und gewissenhaft, da mir derzeit einfach die Zeit dazu fehlt. #armeleuteessen ist definitiv ein gutes, gesellschaftspolitisches und kritisches Projekt, welches Möglichkeiten zur gesunden Ernährung mit geringem Einkommen aufzeigen kann. Fehlt das Wissen über gesunde und regionale Lebensmittel, sowie die Zeit zum Kochen aus den verschiedensten (und bestimmt auch berechtigten) Gründen, wird es jedoch sehr schwierig all das umzusetzen. 

Dass gesunde Ernährung aus biologischer Herkunft eine gewisse Nachhaltigkeit für die Umwelt und auch die eigene Gesundheit schafft, sollte jedoch ebenso gesagt werden. Dass sie Zivilisationskrankheiten vorbeugt, heißt auch, dass man sich Jahre später eventuell das Geld für Arztbesuche und teure Medikamente gegen Bluthochdruck, Karies, Adipositas oder Diabetes sparen kann. Letztendlich liegt es immer an einem selbst zu entscheiden, ob man Gesundheit ganzheitlich und nachhaltig sehen möchte oder nicht und vor allem, was man dafür investieren möchte und wo man bei geringem Einkommen stattdessen Abschnitte macht. 

Ich möchte an dieser Stelle auch einmal das bedingungslose Grundeinkommen ansprechen, von dem einige LeserInnen sicher schon einmal gehört haben. Die Idee dahinter begrüße ich schon sehr lange, jedoch kommt gerade hier in Österreich nichts in die Gänge, was ich persönlich sehr schade und ineffizient finde. 


Wie stehst du zum Thema Gesundheit und Mindestsicherung? Würdest du mit 180 Euro im Monat für deinen Lebensmitteleinkauf auskommen? Musst du es vielleicht sogar? Welche Hürden stellen sich dir dabei in den Weg? Was sollte sich ändern? Fragen über Fragen! Ich freue mich auf deine Antworten! 

 

8 Comments

  • Reply
    Vera
    11. März 2016 at 20:58

    Ich bin sehr beeindruckt, wie gut du diesen Artikel geschrieben hast, du hast echt die richtigen Worte gefunden und es hat viel Spaß gemacht den Beitrag zu lesen, auch wenn momentan noch meine Mutter für uns einkauft und ich von den Preisen/ über das Thema im Allgemeinen nicht so viel Ahnung habe… Regt auf jeden Fall zum Nachdenken an. Liebe Grüße und weiter so!

  • Reply
    K
    11. März 2016 at 9:19

    Danke Tanja für deine Artikel! Du greifst immer wieder Themen auf, welche mich interessieren oder mit denen ich mich bereits beschäftigt habe. Es ist immer wieder spannend deinen Blog zu lesen!

  • Reply
    Sabrina
    10. März 2016 at 23:09

    Ein sehr spannendes Projekt und Hut ab, dass du mit so wenig Geld so hochwertige Lebensmittel gekauft hast und so tolle und viele Gerichte daraus gezaubert hast. Finde ich grossartig. Weil auch mit wenig Geld kann man sich gesund ernähren (nur schon mehr Früchte/Gemüse/Vollkornprodukte würde ja viel bringen, man kann ja auch aus konventionellem Anbau einkaufen wenn bio nicht drin liegt).
    Wir sind ein klassischer DINKs-Haushalt (double income, no kids) und Essen und Ernährung sind uns sehr wichtig und wir kaufen entsprechend eher teuer ein. Heute haben wir unseren Wocheneinkauf gemacht (auch nach einem Essensplan) und haben so viel ausgegeben wie man in deinem Projekt für einen Monat hätte (allerdins in CHF, ist natürlich alles viel teurer hier und es hatte noch Vorratsartikel wie Shampoo etc. dabei). Uns ist es wichtig gute Produkte zu kaufen und wenn möglich aus Schweizer Produktion und bio.
    Dass das Projekt so zerrissen wird finde ich absolut nicht fair und ich verstehe es auch nicht. Warum kann man sich nicht das raus nehmen was für einem passt und zum Rest einfach schweigen? :)

    • Reply
      tanjachampagner
      10. März 2016 at 23:33

      Hy Sabrina!
      Armut ist nunmal ein heikles, emotionales Thema – So gesehen verstehe ich es durchaus, dass der Selbstversuch so manchen Blutdruck in die Höhe treibt und die linguale Hemmschwelle dabei gleichzeitig in den Keller geht. Könnte ich damit nicht leben, dürfte ich nicht bloggen. ;) Aber ich bin da ganz bei dir: Gesunde Ernährung muss nicht automatisch eine Sache des Einkommens sein, ist aber definitiv eine Sache der persönlichen Wertepyramide. Für mich ist das Projekt „billig und bio“ jedenfalls nachhaltig und wertvoll. Wenn es das für andere auch ist, freue ich mich darüber. Wenn dem nicht so ist, ist das auch völlig in Ordnung. Danke für dein Kommentar und liebe Grüße in die Schweiz! :)

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    Bianca @ ElephantasticVegan
    10. März 2016 at 14:27

    Vielen Dank für den ausführlichen Bericht! Ich habe zwar von der #armeleuteessen-Aktion schon gehört, allerdings die ganze Kritik daran ist an mir anscheinend vorbei gegangen. Ich finde es auch gut, dass du den Selbstversuch gemacht hast. Es ist einfach trotzdem interessant auszutesten, wie man sich immer noch gut ernähren könnte, auch wenn man weniger Geld zu Verfügung hat. Mein Freund und ich dokumentieren ziemlich gut, was wir so im Monat für die verschiedensten Dinge (Essen, Essen gehen, Miete, elektronische Gegenstände,…) ausgeben und (ich habe gerade nachgeschaut) wir geben im Monat so durchschnittlich 260€ für 2 Personen aus, wobei ich auch sagen muss, dass wir nochmal 150€ im Monat für Essen gehen ausgeben, und das Essen-gehen-Geld könnte ja schnell eingespart werden, wenn man weniger Geld zur Verfügung hat. Allerdings achte ich nicht bei allen Lebensmitteln auf Bio-Qualität, mir persönlich ist wichtiger, dass sie aus der Region kommen und in Saison sind. Ein bedingungsloses Grundeinkommen befürworte ich vollkommen – ich hoffe auch, dass sich da bald mal was in Österreich tut.

    • Reply
      tanjachampagner
      10. März 2016 at 15:02

      Bei Saisonalität und Regionalität kann ich definitiv nur zustimmen! (Wobei ich mich immer wieder dabei ertappe, dass ich selbst zu Bananen greife, weil’s mich einfach so drauf gustert…)
      Danke für die Rückmeldung, Bianca!

  • Reply
    juxi
    10. März 2016 at 12:19

    Respekt, liebe Tanja. Und danke für deinen Bericht.
    LG Juxi

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